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Projekt „Digitales Besuchsleitsystem“ in Bamberg 

Projekt „Digitales Besuchsleitsystem" in Bamberg

Interview mit Steve Henschel (IT-Projektmanager)

Wie lassen sich Besucherströme in einer historischen Altstadt wie Bamberg intelligent steuern – im Sinne der Bewohner:innen und für ein nachhaltiges touristisches Erlebnis? Dieser Frage widmet sich das Projekt „Digitales Besuchsleitsystem“ im Rahmen der Smart-City-Strategie der Stadt Bamberg. In einem mehrstufigen Entwicklungsprozess wurde ein datengestütztes System zur Besucherzählung entwickelt – mit besonderem Augenmerk auf Datenschutz, Nachhaltigkeit und Realisierbarkeit.
Wir haben mit Steve Henschel, Projektmanager, über die Hintergründe, Herausforderungen und Ziele des Projekts gesprochen.  

Projekte wie dieses entstehen nicht über Nacht – oft braucht es einen Impuls oder ein gesellschaftliches Bedürfnis. Was war der konkrete Auslöser für die Entwicklung eines digitalen Besuchsleitsystems in Bamberg? 

In den vergangenen 15 Jahren hat sich der Tourismus in Bamberg sehr dynamisch entwickelt, mit einer deutlichen Zunahme sowohl bei Übernachtungs- als auch bei Tagesgästen. Diese Entwicklung vollzieht sich auf dem relativ begrenzten Raum des Welterbe-Areals, was bei vielen Bürgerinnen und Bürgern zunehmend zu einem Störgefühl im Sinne von „Overtourism“ und Überfüllung geführt hat. Gleichzeitig hat sich auch politisch der Rahmen verändert: durch eine Förderkulisse entstand der notwendige Spielraum, um datenbasierte Steuerungsansätze überhaupt realisieren zu können. Ein wichtiger inhaltlicher Impuls war außerdem das neue touristische Leitbild der Stadt, das explizit Tourismusverträglichkeit und Akzeptanz als Oberziele definiert. Zentral ist dabei der Gedanke, Gäste und Einheimische gemeinsam zu denken und die Auswirkungen touristischer Maßnahmen immer auch auf die Lebenswelt der Bevölkerung mitzudenken. 

Neben der Zählung von Besucherströmen geht es um mehr – etwa die Steuerung von Aufenthalten oder die transparente Darstellung von Hotspots. Welche Ziele verfolgt das Projekt kurz- und langfristig? 

Kurzfristig wollen wir vor allem Transparenz schaffen und das Besuchserlebnis verbessern – für Gäste ebenso wie für die lokale Bevölkerung. Dazu gehört, sensible Bereiche zu schützen, die Aufenthaltsqualität zu erhalten und durch eine datengestützte Darstellung aufzuzeigen, wo sich gerade viele Menschen aufhalten. Langfristig geht es darum, Alternativen zu bekannten Hotspots aufzuzeigen, Besucherströme zu entzerren und so die Lebensqualität in der Altstadt nachhaltig zu sichern. Ziel ist ein ausgewogenes Miteinander von Tourismus und Alltagsleben. 

Wie lief die Auswahlphase der passenden Sensorik ab und welche Kriterien waren besonders wichtig? Warum fiel die Entscheidung auf das Unternehmen Safectory – und nicht auf größere Anbieter wie Ariadne?

Wir konnten auf ein Vorprojekt zurückgreifen, in dem wir bereits mit sieben Sensoren erste Erfahrungen gesammelt haben – einschließlich einer Datenschutzstrategie, die wir gemeinsam mit der Universität Bamberg entwickelt hatten. Für die Auswahl der finalen Sensorik waren mehrere Faktoren entscheidend: die Echtzeitfähigkeit der Systeme, ihre Wartbarkeit, eine hohe technische Qualität, geringe Folgekosten sowie die Offenheit der Schnittstellen. Besonders wichtig war uns auch, dass die Sensorik technisch möglichst kompatibel zu unseren spezifischen Anforderungen ist. Das Unternehmen Safectory, ein lokaler Anbieter, hat diese Kriterien am besten erfüllt. Gleichzeitig hat uns die enge Zusammenarbeit und die hohe Flexibilität überzeugt – Aspekte, die bei großen Anbietern oft schwerer zu realisieren sind. 

Die Erfassung von Bewegungsdaten im öffentlichen Raum ist sensibel – gerade in einer smarten Stadt. Gab es besondere Herausforderungen in Bezug auf Datenschutz? Wie wurde das Spannungsfeld zwischen Informationsgewinn und Datenschutzkonformität gelöst? 

Ja, der Datenschutz war und ist ein zentrales Thema des Projekts. Wir haben von Beginn an großen Wert daraufgelegt, dass personenbezogene Rückverfolgungen ausgeschlossen sind. Deshalb werden die IP-Adressen randomisiert und nicht dauerhaft gespeichert. Zudem kommt eine spezielle Software zur Verbesserung der Anonymisierung zum Einsatz. In allen Schritten haben wir sehr eng mit den Experten der Universität Bamberg sowie mit dem Datenschutzbeauftragten der Stadt Bamberg zusammengearbeitet. Ergänzend haben wir eine juristische Beratung in Anspruch genommen, die durch ein Förderprojekt der Universität ermöglicht wurde. So konnten wir sicherstellen, dass alle datenschutzrechtlichen Vorgaben eingehalten werden. 

Nach der Pilotphase stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Wie sollen die erhobenen Daten künftig genutzt werden, um Besuchsströme aktiv zu steuern?  

Perspektivisch möchten wir auf Grundlage der Daten eine webbasierte App entwickeln, mit der Gäste schon vor ihrem Aufenthalt eine individuelle Besuchsplanung vornehmen können. Ziel ist, eine Umgehung stark frequentierter Bereiche zu erleichtern und gleichzeitig attraktive Alternativen aufzuzeigen. Auch vor Ort soll das Besuchserlebnis verbessert werden – etwa über eine digitale Karte oder Heatmap, die in Echtzeit anzeigt, wo sich gerade viele Menschen aufhalten. So können Gäste ihre Route spontan anpassen. Insgesamt sollen Besuchszeiten und -orte deutlich transparenter werden und ein bewusster Umgang mit dem Stadtraum gefördert werden. 

Von den Erfahrungen anderer Städte zu lernen, kann viel Zeit und Ressourcen sparen. Was können andere Städte von Bamberg lernen, wenn sie ein ähnliches System einführen möchten? 

Ein ganz entscheidender Erfolgsfaktor war die Kombination aus wissenschaftlicher Begleitung, lokalem Know-how und einer sehr sorgfältigen rechtlichen Prüfung. Das hat uns ermöglicht, ein tragfähiges Konzept zu entwickeln, das sowohl technisch als auch gesellschaftlich akzeptiert wird. Ich denke, andere Städte können insbesondere lernen, wie wichtig es ist, Forschung, Praxis und rechtliche Aspekte von Anfang an eng zu verzahnen – und dass der Dialog mit allen beteiligten Akteuren unerlässlich ist.